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In die Mitte der Nackten“

Mark Haskell Smith: Naked at lunch – Ein Nacktforscher in der Welt der Nudisten, Heyne-Verlag, München 2016, ISBN 978-3-453-67701-2, 335 Seiten, 12.99 Euro.

Für den Journalisten Mark Haskell Smith ist die Welt der FKK-Begeisterten fremd gewesen – bis er sich an sein Buch „Naked at lunch“ gewagt hat. Dann hat er einen Schritt gewagt, der für ihn wohl mehr als ein Quantensprung gewesen sein muss. Smith hat die Kleider abgelegt, hat sich auf eine FKK-Kreuzfahrt, sich in Naturisten-Camps einquartiert und hat an Nacktwanderungen in den österreichischen Alpen teilgenommen.

Bereut hat er diesen Schritt nicht. Auch wenn er durch sein Buch-Projekt nicht zum begeisterten Naturisten geworden ist. Er hat als Beobachter sich in die Mitte der Nackten begeben und viel Freude gehabt. Verändert habe er sich nicht, schreibt Smith. Er hätte sich vor dem Buch-Projekt komisch dabei gefühlt, nackten Menschen am Strand oder auf einem Wanderweg zu begegnen. Heute denkt er über diejenigen, die unbekleidet den Strand entlanglaufen: „Es mag nicht ent-entfremdend sein, aber es wirkt doch zumindest stärkend, sich keinen Scheiß darum zu scheren, was andere über einen denken. Es bedeutet, mit sich selbst im Reinen zu sein.“ (S.323)

Für den Überzeugungstäter aus der Naturisten-Szene ist das Buch von Mark Haskell Smith eine Bestätigung, dass das eigene Lebenskonzept nicht völlig abwegig ist, auch wenn es sich schwer tut, gesellschaftliche Akzeptanz zu erleben. Kenntnisreich bewegt sich Smith durch den zeitgenössischen Naturismus. Es ist nicht nur so, dass er keine Berührungsängste gehabt hat. Er hat sich in die Geschichte der Freikörperkultur hereingearbeitet. Er hat bewiesen, dass er eine hohe Sensibilität für die unterschiedlichen Strömungen in der naturistischen Bewegung entwickelt hat.

Mit dem Blick auf das für Außenstehende befremdliche World Naked Bike Ride schreibt Smith mit aller Gelassenheit: „Es geht … nicht ums Nacktsein, sondern ums Strampeln … Indem wir nackt radeln, erklären wir unser Vertrauen in die Schönheit und Einzigartigkeit unserer Körper und die Rolle des Fahrrads als Katalysator des Wandels für eine Zukunft mit Nachhaltigkeit, Fortbewegung, Gemeinschaft und Erholung.“ (S.250/251) Diese Worte können für den deutschsprachigen Aktivisten in der Nacktszene Ermutigung sein in einer Zeit, in der es im deutschsprachigen Raum (noch) nicht gelingt, eine WNBR-Tour auf die Räder zu stellen.

Das Buch „Naked at lunch“ nimmt der Freikörperkultur das Unheimliche, beschreibt sie so sachlich und amüsiert, wie sie sich gleichfalls für den Insider darstellt. Es irritiert, dass der Verlag das Smith-Buch in einer „Hardcore“-Reihe veröffentlicht hat. Schließlich wird in diesem Kontext eher dem gesellschaftlichen Tabu entsprochen, was jedoch völlig unangemessen erscheint. Smith hat es gewagt, sich auf amerikanischen Naturistengeländen genauso zu bewegen wie er sich in der europäischen Szene umgeschaut hat.

Smith gibt glücklicherweise auch seiner Verwunderung Ausdruck, dass die Begegnung mit den Menschen als eine ganz andere erscheine als die Begegnung mit denselben Menschen, wenn sie Alltagskleidung tragen. Seine Irritation lässt ihn plötzlich ganz anders auf den Gesprächspartner von gerade eben schauen. Wer kennt dies nicht, wenn man sich längere Zeit in der Naturisten-Szene bewegt.

Subkulturen faszinierten ihn, schreibt Smith schon früh. Mit dem Forscherblick hat er sich dann in die Nähe der Nackten gewagt. Für den überzeugten Naturisten eine aufschlussreiche Lektüre.

Gelesen und besprochen von Christoph Müller