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„Freiheit, Tabus anzusprechen“

Geistige Erbauung aus der Feder eines Wiener Naturisten

Gelesen und rezensiert von Christoph Müller

Wer den Wiener Naturisten Volkmar Ellmauthaler kennt, weiß darum, dass Begegnungen mit ihm eine geistige Anstrengung bedeuten. Doch wie es im Leben so häufig ist, die Anstrengung wird auch belohnt. Mit dem Buch „Versuch über das Unsägliche“ ist es genauso, in dem Ellmauthaler dazu ermuntert, zu den vitalen Grundlagen des menschlichen Lebens wieder eine Beziehung aufzubauen. Ihm geht es um die Kultivierung des ganz Alltäglichen.

Es ist sicher nicht falsch, Ellmauthaler als einen Schöngeist zu beschreiben. Aus diesem Bewußtsein heraus nimmt er sich die Freiheit, Tabus anzusprechen und vor allem frei zu assoziieren. Sein stark philosophisch geprägtes Buch plädiert er für eine Freiheit des Denkens, wie er es nennt. Deshalb wagt er es, Fragen anzusprechen, für die im bürgerlichen Diskurs nicht unbedingt Antworten gesucht werden.

Ob es die Beziehung des Menschen zu den Begleiterscheinungen des Verdauungsfinales (orientiert an einer Ausdrucksweise des Psychoanalytikers Alfred Kirchmayr) oder Fragen der Sexualität sind, Ellmauthaler lässt sich in seinen Überlegungen nicht von Konventionen bremsen. So findet er aus seiner fachlichen Sicht als Medizinpsychologe auch Worte zu der Katastrophe eines Germanwings-Flugzeugs in den französischen Alpen, als ein deutscher Co-Pilot 149 Menschen mit in den Tod genommen hat.

Was Ellmauthaler mit seinem Buch „Versuch über das Unsägliche“ gelingt, ist quasi eine Erfrischung und Reinigung eines alltäglichen, von unzähligen Faktoren beeinflussten Menschen. Er kritisiert: „Parallel zu Er-Ziehung … tritt … oft eine Entwicklung ein, die schließlich den jeweiligen Körper in dessen wahrgenommenem Erscheinungsbild und Wert, zugleich den Selbstwert der Person von der ästhetischen Beurteilung anderer abhängig macht: Nur wenn der / die BetrachterIn zustimmt, darf mein Körper als stimmig, rein, ästhetisch einwandfrei angenommen werden oder, etwa in der Natur, auch unbekleidet bleiben; ein hoher Preis ohne sachliche Rechtfertigung.“

Ellmauthaler missfällt es, sich den Konventionen der zeitgenössischen Gesellschaft allzu sehr hinzugeben. Auf einem hohen intellektuellen Niveau begründet er seine Haltung, denkt über die Erziehung und das Intime an sich nach. Es macht Freude, Ellmauthalers Pfaden zu folgen. Schließlich gelingt es ihm Brücken zu schlagen zwischen scheinbar unbegründet auftretenden psychosomatischen Phänomenen und dem alltäglichen Leben. Sein Buch „Versuch über das Unsägliche“ ist insofern als Anleitungsbuch zur Selbstreflexion zu verstehen.

Besondere Spannung baut sich an der Stelle auf, an der Ellmauthaler den Terrorismus als Phänomen beschreibt. Mit dem Blick auf den Islamismus fragt er Erziehende an, inwieweit sie Verantwortung für die Fehlentwicklungen junger Menschen tragen. Auch dem jungen Co-Piloten schreibt er Größenideen zu, die auf narzisstische Kränkungen hinweisen. Dies ist ein entscheidender Grund, weshalb Ellmauthaler sich wünscht, dass Menschen aus der vielfältigen, oft unbeachteten Sprachlosigkeit herausfinden:  „Das Verdrängte, nicht Annehmbare kann bedauerliche Konsequenzen haben, sofern Beziehung weniger auf annehmender Zuneigung als auf Leistungsdruck und Strafdrohung aufbaut.

Gestörte Bindungen, Angst und deren Abwehr können zu blindem Gehorsam, auch zu Terrorismus führen - oder zum grandiosen Suizid, wie am 24.3.2015, als der 1st Officer seine Passagiermaschine zum Absturz brachte: Warnungen, die wieder im Einklang mit dem analytischen Hauptwerk von Arno Gruën († Oktober 2015) stehen und den Zirkelschluss zu Peter Handkes Versuch über den Stillen Ort (Suhrkamp 2012) darstellen.“ Konkreter: „Normgesellschaften bauen Zucht, Ordnung, Gehorsam auf ein System von Tadel und Bestrafung auf. Liebe ist dabei vielfach pervertiert in Abhängigkeit und Leistungspflicht. Die Lösung besteht … im Training der Menschen: in Vertrauen, Empathie, Zuneigung, Liebe.“

Kurzum: Ellmauthalers dritter, seit April 2015 brandaktueller „Versuch über das Unsägliche“ ist eine Lektüre für die stillen Stunden. Sie ist aus den Fakten schockierend, in der Tiefe vielleicht irritierend, doch immer auch: geistige Erbauung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Volkmar Ellmauthaler: Versuch über das Unsägliche – Von der Not des Terroristen und was Derridas Katze dazu dächte. – Wien: edition L 2015. ISBN 978-3-902245-12-0. (3., erweiterte, ergänzte Auflage:134 Seiten, 24 Abbildungen, 60 Fußnoten mit Literaturangaben, 17 Begleittexte. EU-Nettopreis: 13,64 Euro).